Ehre, Blut und Pulverdampf – Über den „Ehrbaren Kaufmann"

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Die deutschen Manager sollen wieder »ehrbare Kaufmänner« werden, da sind sich die Parteien von CDU/CSU bis zur »Linken« einig. Über den derzeit beliebtesten bürgerlichen Mythos.

Alle wollen ihn, alle rufen nach ihm, er soll jetzt die Karre aus dem Dreck ziehen: der ehrbare Kaufmann! Eine vom Aussterben bedrohte Gattung, die schon in der griechischen Mythologie vorkommt. Der Götterbote Hermes – der mit Flügeln an den Stiefeln – sollte nicht nur Seelen bis an die Pforte der Unterwelt führen, er war auch Schutzpatron für Kaufleute und Diebe.

Die CDU/CSU verspricht uns »eine Wirtschaftsordnung, die sich an den Prinzipien des ehrbaren Kaufmanns orientiert«, die FDP will, dass »sich Vorstände ein Beispiel« an ihm nehmen, die SPD setzt »auf das Leitbild des ehrbaren Kaufmanns« und will dafür sorgen, dass er »am Ende nicht wieder der Dumme« ist, die »Linke« betrauert, dass seine Tugenden »zugunsten von Gier verdrängt« wurden, Grüne sind versessen auf ihn. Es habe »zur Tugend des ehrbaren Kaufmanns gehört, zu seinem Wort zu stehen«, schleudert Jürgen Trittin den Chefs der Stromkonzerne entgegen, und Parlamentsprotokolle melden allerorten »Zurufe« wie den von »Ewald Groth (Grüne): (…) So sind Sie nicht der ehrbare Kaufmann, Herr (…)« Das Goethe-Institut sieht ihn als Garanten für »die Rückbesinnung auf die Tugenden« der fünfziger Jahre, der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) versichert: »Wir folgen dem Leitbild des ehrbaren Kaufmanns«, und die Berliner Humboldt-Universität bietet Städtereisenden »stündlich« zwischen 18 und 22 Uhr an: »Am Beispiel bedeutender Unternehmerpersönlichkeiten wird Ihnen das Leitbild des ehrbaren Kaufmannes vorgestellt.« Dazu zählt sie Alfried Krupp und Axel Springer, dessen Bild 1967 forderte: »Polizeihiebe auf Krawallköpfe, um den möglicherweise noch vorhanden Grips locker zu machen!«

Der ehrbare Kaufmann tritt nach Wikipedia verstärkt im Mittelalter in Erscheinung und soll seitdem das »Leitbild für das optimal handelnde Wirtschaftssubjekt« sein, weil er »Menschlichkeit und Wirtschaftlichkeit in Einklang« bringe. Er unterliege aber dem historischen Wandel – jedenfalls äußerlich. Solange an der Leibesfülle ermessen wurde, ob der Mann eine Familie ernähren kann, war er ein Fettkloß. Seit dicke Bäuche einer falschen Ernährung zugeschrieben werden, pflegt er einen sportlichen Stil. Doch geblieben sind seine Tugenden, zu denen Wikipedia Gewinnstreben, Mäßigung, Schweigen, Reinlichkeit, Gemütsruhe, Pünktlichkeit, Treue, Keuschheit zählt. Abgesehen vom Schweigegelübde, das Männerbünde ablegen, damit ihr unsittliches Treiben nicht nach außen dringt, gelten diese Tugenden als typisch deutsch.

Man mag einwenden, Reinlichkeit sei keine Tugend, sondern eine Neurose, mit Gemütsruhe ließen sich auch Panzer verkaufen, der Zwang zur Keuschheit begünstige, dass Priester Jungs in die Hosen fassen, Gewinnstreben und Mäßigung oder Wirtschaftlichkeit und Menschlichkeit passten nicht zueinander. Richtig! Aber die Ehre ist nicht besser. Ehre klingt nach Männerritual mit Blut und Pulverdampf. Der frühe Sozialist Ferdinand Lassalle duellierte sich mit einem Nebenbuhler und zog dabei den Kürzeren, Adolf Merkle (Ratiopharm) warf sich vor den Nahverkehrszug, weil er seine Ehre verspielt hatte. Väter ermorden ihre Töchter, um die Familienehre zu retten. Die Oper »Cavalleria Rusticana« erzählt, dass die sizilianische Männerehre auf die Erdolchung des Rivalen hinausläuft. Stierkämpfer werden mit Rinderohren geehrt. Für Adolf Eichmann war die Einhaltung des Befehls, alle Juden zu ermorden, eine Ehre, während er den Gedanken an ihre Rettung als Verrat empfand.

Davon unberührt, beklagte Ralf Dahrendorf, »einer der großen Intellektuellen und Vordenker Europas« (Angela Merkel), in dem letzten Essay vor seinem Tod, dass auf dem Irrweg vom Sparkapitalismus zum Pumpkapitalismus »viele Sitten des ehrbaren Kaufmanns über Bord« gegangen seien, etwa »Arbeit, Ordnung, Dienst, Pflicht«. Mit Ratenkäufen habe das Dilemma angefangen, danach sei dann nicht mehr nur »mit Geld Geld verdient« worden, sondern leider auch »mit geborgtem Geld«. Wie der brave Kaufmann, der nur mit Geld Geld verdient, an sein Startkapital kam – Ausbeutung, Preistreiberei, Betrug, Raub, Zwangsarbeit, Arisierung – und durch wen und womit er das Geld vermehrte, ließ der »brillante Soziologe« (Capital) offen.

Mit »Kaufmann« sind natürlich Top-Entscheider in der Welt des Business gemeint, eine Welt »voller Dramen, Helden und Kämpfe« (Capital). Da gibt es Männer »mit breitem Gewinnerlachen« und »angeschossene Alphatiere«. Da ist mächtig was los. Nicht so eintönig wie die Welt der kaufmännischen Angestellten, die Sloan Wilson in seiner Autobiografie »Der Mann im grauen Flanell« im Jahr 1956 beschrieb. Er sollte befördert werden. Der Chef rief ihn zu sich und gratulierte ihm mit dem Satz: »Jetzt wird es Zeit, dass sie sich wie die anderen einen grauen Flanellanzug kaufen.« Da fiel ihm ein, dass alle Männer vom Gruppenleiter aufwärts einen grauen Flanellanzug trugen. Er kündigte und schrieb, in Büros gehe es »autoritärer zu als beim Militär«. Die meisten Angestellten wollen nur einen Tag vor der Rente noch einmal sagen, was ihnen 45 Jahre lang nicht gepasst hat, andere gehen drauf wie im »Tod eines Handlungsreisenden«.

Der ehrbare Kaufmann ist nicht zu trennen von der modernen CSR-Bewegung (Corporate Social Responsibility), die Unternehmern nahe legt, nicht nur an sich und die Aktionäre zu denken, sondern gute Beziehungen zu allen Stakeholdern zu unterhalten – Arbeitnehmer, Gewerkschaften, Aktionäre, Kunden, Lieferanten, Anwohner, Umweltschützer, eigentlich alle, mit denen das Unternehmen zu tun hat. Menschen an Firmen- und Wirtschaftsinteressen zu binden, ist nicht neu. Früher nannte man das Betriebs- oder Volksgemeinschaft, später VW-Modell. VW bietet den Wolfsburgern ein All-inclusive-Paket an. Sie arbeiten bei VW, besuchen das VW-Stadion, bejubeln die Werkself, kehren auf Kosten der Firma in Bordelle ein und werden mit Eroberungen bei Laune gehalten: Porsche war die zehnte. Anschlüsse heben das Gemeinschaftsgefühl, und »ein zufriedenes Volk daheim schützt vor Verschwörungen« (Niccolò Machiavelli).

Die Hans-Böckler-Stiftung lud Experten ein, um »Grenzen und Möglichkeiten von CSR« auszuloten. Ein Sprecher des DGB hob hervor: »Eigentlich müsste die CSR nach 2 000 Jahren christlicher Kultur, nach Kants kategorischem Imperativ und dem Anspruch vom ehrbaren Kaufmann in unserer Gesellschaft eine Selbstverständlichkeit sein.« Da habe ich gewiss große Worte geblubbert, dachte er. Aber was ist ihr Sinn? Martin Luther vertrat die Auffassung: »Dass der Herr mehr Güter hat denn sein Knecht, und doch der Knecht mehr arbeiten muss denn der Herr, (…) das will Gott also haben.« Mägde und Knechte sollten für »seuberliche Arbeit (…) noch lohn zugeben und fro werden«, dass sie einen Herrn hätten. Auch Kant schaffe Probleme, meinte Adorno: »Der Bürger, der aus dem kantischen Motiv der Achtung vor der bloßen Form des Gesetzes allein einen Gewinn sich entgehen ließe, wäre nicht aufgeklärt, sondern abergläubisch – ein Narr.« Sind ehrbare Kaufleute Narren? Nein! Eher negiert der Hamster sein Laufrad, als dass der Kaufmann aus Ehre auf ein Geschäft verzichtet.

Das Neue Deutschland (ND) irritierte seine Abonnenten, die bei ihm Schutz suchen vor Marktgewittern und Amis, mit der Unterzeile: »Der Ehrbare Kaufmann muss wieder Leitbild für die ökonomische Elite werden!« Buddenbrook habe gesagt: »Mein Sohn, sey mit Lust bey den Geschäften am Tage, aber mache nur solche, dass wir bey Nacht ruhig schlafen können.« ND-Autor Daniel Klink von der Humboldt-Universität folgert: »Wenn wir diesen Ratschlag eines ehrbaren Kaufmanns befolgen, wird die Krise nicht der kollektive Niedergang« sein. Nach nur zwei Jahrzehnten Umerziehung retten uns nicht mehr Marx und Engels, sondern Kaufmänner! Nur »wenn ehrbare Kaufleute am Werk waren, ließen sich nachhaltige Verbesserungen für die gesamte Gesellschaft erzielen«. Wenn nicht, gab’s »Misstrauen und Krieg«. SED-Kadern rauchen die Köpfe. Die kaufmannslose DDR hat doch nie Krieg gemacht, während die Kaufleute der Hanse keinen Krieg scheuten, um Handelswege zu erobern, und Großkaufmann Jacob Fugger half Karl V. mit 540 000 Gulden beim Aufbau einer Armee von Landsknechten, die Müntzers Bauern schlugen und bis Mexiko Schrecken verbreiteten.

Zur Versöhnung mit den Lesern legt der Autor, der für diesen Unfug mit dem Humboldt-Preis 2008 und dem Europa-Preis 2009 ausgezeichnet wurde, noch einige Verschwörungen nach. Der deutsche Kaufmann nehme seit »900 Jahren« seine »wirtschaftliche Freiheit in einer ehrbaren Weise wahr« und »nicht erst, seitdem die US-Amerikaner in ihrer Einfältigkeit und ihrem kulturellen Unwissen die CSR erdachten«. Dass das ND den Amis keine Kultur zubilligt, überrascht nicht. Schon eher, dass »unsere Kultur seit dem Mittelalter von ehrbaren Kaufleuten gestaltet« worden sein soll. – Na gut, die doppelte Buchführung. Nein! Die hat ein italienischer Mönch sich ausgedacht. Auch den Anglizismen geht es an den Kragen: »Einige werden sich noch dunkel an den Direktor erinnern. So hieß nämlich der Manager in Deutschland vor dem Marshall-Plan.« Falsch! Vor dem Marshall-Plan hieß er Wirtschaftsführer und war Mitglied der NSDAP. Wie die Kaufleute Gustav Schickedanz (Quelle) und Josef Neckermann, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg den blühenden Versandhandel der BRD teilten. Schickedanz hatte vorher Papierfabriken und Textilversandhäuser von jüdischen Familien »erworben« und im Quelle-Katalog »alles für die vorschriftsmäßige Ausrüstung des SA- u. SS-Mannes« angeboten. Neckermann, ein Zögling von Albert Speer, »übernahm« die Wäschemanufaktur der jüdischen Familie Joel, gründete mit Direktor Karg, der sich im Zuge der Arisierung Hertie angelte, die »Zentrallagergemeinschaft«, die im Krieg die »Ostfront« mit Winterklamotten ausrüstete. Beide setzten Zwangsarbeiter ein.

Warum galten beide immer als ehrbare Kaufleute und wurden hoch geachtet? Okay, für viele Deutsche war der Nationalsozialismus die gute alte Zeit. Aber der zweite gewichtige Grund ist die Nähe des marktwirtschaftlichen Denkens zum Faschismus. Auch das Marktprinzip legalisiert die Ausmerzung des mit Schwäche Gebrandmarkten. Es selektiert Sieger und Verlierer in permanenter Konkurrenz. Dem Sieger gebühren Ehre und die Beute. Dass er Gebäude, Technik, Kunden und Belegschaft des Verlierers »übernimmt«, erscheint so normal wie ein Naturgesetz. Auch Schickedanz und Neckermann ließen sich solche Gelegenheiten nicht entgehen, und sie machten ihre Sache gut. Für die Rekordumsätze der Firma Quelle 1938 gebe »es eine Reihe von Gründen, allen voran das Geschick und auch den Instinkt des Quelle-Gründers«, schrieb die Süddeutsche Zeitung. Mit den Worten Friedrich Nietzsches: »Von der Stärke verlangen, dass sie sich nicht als Stärke äußere, dass sie nicht ein Überwältigen-Wollen, ein Niederwerfen-Wollen, ein Herrwerden-Wollen (…) sei, ist gerade so widersinnig, als von der Schwäche verlangen, dass sie sich als Stärke äußere.« Beide schätzen den Sozialdarwinismus – der Faschismus, weil alles wie im Wolfsrudel sein soll, der ökonomische Liberalismus, weil sein Gott das Soziale als Opfergabe verlangt. Nicht aus Zufall, sondern aus Nähe waren FDP und FPÖ Auffangtümpel für Nazis.

Aber warum scheitern so viele Kaufleute? Klaus Zumwinkel (Post), Heinrich von Pierer (Siemens), Ron Sommer (Telecom), Marcel Ospel (USB) und viele mehr waren einmal Stars. Wenn sie heute am Flughafen auftauchen, verstecken sich alte Freunde hinter Zeitungen. Sie scheitern an Symptomen, die üblicherweise bei Diktatoren anzutreffen sind. Die Verfassungen schließen Demokratie in der Wirtschaft aus. Führungskräfte akkumulieren als Befehlshaber in einer diktatorisch strukturierten Umgebung auf dem Weg nach oben diverse psychische Defekte. Für sie sind Menschen nur Kosten oder Nachfrage, Demokratie und alles Behutsame kommt ihnen ineffektiv vor, da ihnen vor Gericht nichts geschieht und Hofschranzen voller Lob für sie sind, wächst das Gefühl der Unangreifbarkeit. Ihre ökonomischen Charaktermasken verschmelzen mit dem, was darunter ist, und sie mutieren zu Egomanen mit aufgeblähter Selbstwahrnehmung, Sonnenkönig-, Eroberungs- und Bereicherungssyndrom. Es täte nicht gut, bei Kaufleuten »allzu oft zu Abend zu essen«, schrieb Kurt Tucholsky.

Irgendwann reflektieren sie nicht mehr, dass sie, im Unterschied zum Generalissimo, für Profit sorgen und überdies Vorbilder sein sollen. Im Gegensatz zum Baron von Thyssen, der als Halbgott verehrt wurde, ohne sich zeigen zu müssen, soll Josef Ackermann zu Anne Will, und die Bunte will sein Leben beleuchten wie das der Familie Wussow. Daran müssen Wirtschafsdespoten sich erst gewöhnen. Das Victory-Zeichen zum falschen Zeitpunkt war ein Anfängerfehler. Dagegen war das Duell zwischen Wendelin Wiedeking und Ferdinand Piëch schon fast so professionell wie ein B-Western. Männer wie Naturgewalten gingen ihren Weg, ohne sich von Sandstürmen, Schlangen und Nichtswürdigen aufhalten zu lassen. Der »wortkarge und eisige« Piëch zog schneller. Ja, »vorne war nur Platz für Piëch, den Musterschüler Machiavellis«, der sein Weideland »noch gegen jeden Fremden kompromisslos verteidigt hatte« (Capital).

Die Mär vom ehrbaren Kaufmann quillt aus dem Mythos vom bürgerlichen Individuum, der den Einzelnen zum Maß aller Dinge erhöht und objektive Wahrheiten leugnet. Während das Individuum im System zum auswechselbaren Nichts degeneriert, wuchert das Hirngespinst, dass der Einzelne persönlich alles und das System nichts verantwortet. Das mag dem System in Legitimationskrisen helfen, der Preis dafür sind Verschwörungsfantasien, die früher oder später auf den Juden hinauslaufen. Marc Steinhäuser fragte Anfang Oktober 2008 im Wirtschaftsteil der Süddeutschen Zeitung: »Ist er der Teufel persönlich? Alan Greenspan (Sohn jüdischer Einwanderer, R.T.) (…) Eigentlich wollte er Musiker werden (er war Kantor an einer Synagoge, R.T.) (…) Die Schatten, die sich auf sein Werk legen, werden immer größer (…) Es besteht kein Zweifel, dass Alan Greenspan die globale Finanzkrise auf dem Gewissen hat (…) Greenspan hat die Krise erfunden (…) Auch die unseriösen Kreditvergaben und massenhaften Pleiten soll Alan Greenspan befördert haben (…) So spielte Greenspan jahrelang mit der Angst (…) Und wie reagiert der viel Gescholtene? (…) Ich bin unschuldig! So versucht Greenspan sein Lebenswerk zu retten: Die Exzesse, (…) der ewige Optimist (…)« Der Teufel! Der Exzessive! Der Ewige! Bürgerlicher Mythos und Antisemitismus sind im Wahn vereint.

Aber es gibt doch auch gute Kaufmänner, Mäzene, Stifter und so! Ja doch! Es gibt Kaufleute, denen nicht wohl zumute ist. »Du hast beinahe studieren wollen, doch dein Vater hat dich ins Getreidegeschäft getan.« (Tucholsky) Einige spüren sogar ihre berufsbedingte Verkümmerung. Sie geben vor, keine Zeit zu haben. Sonst würden sie über Gräbern und Pflanzen forschen oder malen, dichten und singen, alles das tun, wozu ihnen das Talent fehlt. Im Alter stellen sie ihrer Geburtsstadt eine Kunstsammlung hin. »Herr Generaldirektor Schlichter, der (…) – oho! – ein Verhältnis zur bildenden Kunst hat. Das arme Ding.« (Tucholsky)

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